Freitag, 24. April 2020

Warum schliessen wir beim Küssen die Augen?

Die oft genannten Zahlen von 52 % der Männer und 92 % der Frauen lassen sich nicht auf eine belastbare wissenschaftliche Studie zurückführen. Dass geschlossene Augen Berührungen intensiver wahrnehmbar machen können, ist dagegen wissenschaftlich plausibel.

Hintergrund: Die Behauptung, 92 Prozent der Frauen, aber nur 52 Prozent der Männer würden beim Küssen die Augen schliessen, wird seit Jahren weitergegeben. Die Zahlen finden sich unter anderem in einem Beitrag der Universität Kopenhagen. Eine nachvollziehbare wissenschaftliche Originalstudie für genau diese Prozentwerte wird dort allerdings nicht genannt.

Gut untersucht ist dagegen, wie Sehen und Fühlen miteinander konkurrieren. Forschende der Royal Holloway University of London liessen Versuchspersonen visuelle Aufgaben lösen und gleichzeitig leichte Vibrationen an den Händen wahrnehmen. Je anspruchsvoller die visuelle Aufgabe war, desto schlechter bemerkten die Teilnehmer die Berührungsreize.

Das liefert eine plausible Erklärung dafür, warum Menschen beim Küssen häufig die Augen schliessen: Weniger visuelle Ablenkung kann mehr Aufmerksamkeit für Berührungen lassen. Wichtig ist aber, dass in dieser Studie selbst niemand beim Küssen untersucht wurde. Der grosse angebliche Unterschied zwischen Männern und Frauen ist deshalb nicht ausreichend belegt.

Quelle:
Murphy & Dalton (2016): „Out of Touch? Visual Load Induces Inattentional Numbness“

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